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rainer w. leonhardt

Graue Energien - Referat auf Schloss Trebsen 2004   Übersicht

von Rainer W. Leonhardt

 

Graue Energien

Vortrag auf der 7. Fachtagung der Restauratoren im Mai 2004 auf Schloß Trebsen zum Thema:

Historische Gebäude und Baustoffe als Zeitzeugen, Energieträger und erhaltenswerte Bausubstanz begreifen.

Sehr geehrte Damen und Herren

Vor ca. 7 Jahren habe ich an dieser Stelle schon einmal zu diesem Thema gesprochen.
Einige von Ihnen waren auch damals zugegen.
Ich habe mich mit der erneuten Anfrage von Seiten des Veranstalters der heutigen Tagung etwas schwer getan und mir eine lange Bedenkzeit erbeten.
Ich kann ja schlecht die gleiche Rede noch einmal halten, obwohl meine Erfahrungen und Erlebnisse der letzten 7 Jahre deutlich gemacht haben, dass es immer noch Menschen gibt, die man nicht oft genug mit bestimmten Erkenntnissen und Wahrheiten konfrontieren kann.

Damit Sie nun das Folgende besser verstehen und einordnen können, bitte ich Sie unter das Thema des Vortrages gedanklich noch die Worte:
Träume und Visionen
zu setzen.

Trebsen

Am 09. November 1989 fiel die Mauer.

Im Zuge der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen und Entwicklungen, die diesem Ereignis auf dem Gebiet der neuen Bundesländer folgten, kam es zu einer regen Bautätigkeit, die sich zu einem großen Teil aufgrund der vorgefundenen Bausubstanz auf Altbauten bezog.
Dieser doch schon recht lange Zeitraum, immerhin sind seit dem 14 Jahre vergangen, sollte es uns gestatten, zu unserer Thematik eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

Schauen wir uns etwas genauer an, wie mit alter Bausubstanz und alten Baumaterialien in den letzten 14 Jahren in den sogen. neuen Bundesländern umgegangen wurde.

Oberste Zielstellung aller am Prozess Beteiligter war, die in der Bundesrepublik im Zuge des Wiederaufbau´s, vor allem in den 70-er Jahren gemachten Fehler zu vermeiden, und die zwischenzeitlich neu gewonnenen Erkenntnisse, vor allem im Umgang mit vorhandenen Energieträgern, in die Praxis umzusetzen und in das Handeln einfließen zu lassen.

P o l i t i s c h e

Voraussetzung für dieses Handeln waren Entscheidungen auf politischer Ebene, hervorgerufen durch einen gesellschaftlichen Bewusstseins- und Wertewandel.
Hier nur die wesentlichen politischen Entscheidungen:

  1. Um die vorhandene Bausubstanz optimal zu nutzen, eine Zersiedlung der Landschaft zu verhindern und vorhandene wirtschaftliche und soziale Infrastrukturen nicht zu zerstören, wurde in den ersten Jahren kein neues Bauland ausgewiesen.
  2. Die Kommunen wurden aufgefordert Gebäude jeder Art zu erfassen und vorläufige Aussagen darüber zu erstellen, ob die Gebäude zu erhalten sind. Langfristiges Ziel sollte es sein, die vorhandene Bausubstanz zu bewahren und instand zu setzen.
  3. Zur Zeit nicht genutzte Gebäude waren gegen Witterungsbedingungen und Vandalismus zu sichern.
  4. Die bis dahin in der Bundesrepublik geltende Regelung, dass in einem vermieteten Wohnhaus nicht die Reparatur, z. Bsp. von Holzfenstern, sondern nur das vollständige Auswechseln der selben als Kosten vom Vermieter geltend gemacht werden konnten, wurde geändert. Jede erhaltende Reparatur konnte kostenmäßig in Ansatz gebracht werden.
  5. Die Gebietskörperschaften beschlossen eine Erhaltungssatzung.

A r c h t i t e k t u r

Welche Auswirkungen hatten nun diese grundsätzlichen politischen Entscheidungen, denen im Laufe der Jahre noch andere folgen sollten (aber davon später mehr), auf die am Prozess der Stadt- und Gebäudeerhaltung beteiligten Personenkreise?

Fangen wir bei den Architekten und Ingenieuren an!

Bei der Erfassung der vorhandenen Bausubstanz, die überall einsetzte, zeigte sich, dass Architekten und Ingenieure, die über ein spezielles Wissen im Bezug auf historische Architektur und historisches Baumaterial verfügten, nicht im ausreichenden Maße zur Verfügung standen.
Dies hatte man schon in der Bundesrepublik festgestellt, da sich die Ausbildung von Architekten fast ausschließlich am Neubau orientierte.
Aber nun reagierten die Universitäten in den neuen Bundesländern.
Das Architekturstudium wurde nun so gestaltet, dass nach einem Grundlagenstudium die Wahl zwischen den Schwerpunkten Altbausanierung oder Neubau bestand.
Selbstverständlich beinhaltete der Schwerpunkt Altbausanierung auch das Thema historische Baustoffe. Ihre Erscheinungsformen, ihr zeitliches Auftreten, die damit verbundenen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen und die Art und Weise ihres Einbaus.
Darüber hinaus wurden innerhalb des Studienschwerpunktes Altbausanierung neue Planungsschritte für die Altbausanierung entwickelt. Man hatte immer wieder feststellen müssen, dass bei der Sanierung viele originale Materialien verloren gingen bzw. beschädigt wurden, weil die zeitliche Ablaufplanung sich an den Erfordernissen eines Neubaus orientierte und nicht an den speziellen Erfordernissen der Altbausanierung.
Ein weiterer neuer Ausbildungsgang im Bereich der Architektur, der zum Erhalt vieler alter Bausubstanz beigetragen hat, war das Anfang der 90-er Jahre eingeführte Aufbaustudium
"Umnutzung / Neunutzung von alten Gebäuden".
Hier spielte die TU Dresden eine Vorreiterrolle, die neben dem bereits durchgeführten Aufbaustudium Denkmalpflege dieses neue Aufbaustudium als erste Universität etablierte.
Bis dato gab es nur wenige durchgeführte Beispiele von Umnutzung alter Gebäude, und davon noch weniger, die, was Nutzung und Ästhetik betraf, als gelungen bezeichnet werden konnten.

Herr Dr. Storz und Frau Dr. Stenke, die Organisatoren des Aufbaustudiums Denkmalpflege der TU Dresden, in der Villa Salzburg, berichteten mir vorhin freudig, dass es ihnen gelungen ist, für das kommende Semester den amerikanischen/chinesischen Architekten Li Pei für eine Gastprofessur für das Aufbaustudium Neunutzung zu gewinnen.
Die aus diesem Studiengang hervorgegangenen Spezialisten hatten einen großen Anteil daran, dass es gerade bei den reichlich vorhandenen Industriebauten in den neuen Bundesländern zu wenigen Abrissen bzw. Rückbauten kam und wir uns heute viele gelungene Beispiele von umgenutzten Gebäuden ansehen können.

Handwerker / Restauratoren

Aber auch bei den Bauausführenden gab es einige der Sache dienende Veränderungen.
Die Restauratoren in der DDR hatten den leidigen Streit in der Bundesrepublik zwischen den Handwerkern auf den einen und den Restauratoren auf der anderen Seite kopfschüttelnd beobachtet.
Im guten Marx-schen Sinne war im Zuge der Restauratorenausbildung in der DDR eine Verknüpfung zwischen Kopf- und Handarbeit hergestellt worden. Es wurde also beschlossen, den in der DDR eingeschlagenen Weg der Restauratorenausbildung weiter zu gehen, auszubauen und auf Hochschulebene mit Eingangsvoraussetzung einer Handwerkslehre mit mindestens 5-jähriger Berufstätigkeit, zu professionalisieren.
Entsprechend der Erklärung der Landesdenkmalpfleger aus dem Jahre 1994 wurden europaweite Ausschreibungen für Arbeiten im Denkmalpflegebereich nicht mehr durchgeführt.
In der Erklärung wurde zu recht ausgeführt, dass ein Restaurator die kulturellen Eigenheiten und Erscheinungsformen seiner Region kennen und mit ihnen vertraut sein sollte.
Ausschreibungen im Denkmalbereich wurden nur noch beschränkt durchgeführt. Die Vergabe erfolgte nicht unbedingt an den billigsten, sondern an den preiswertesten Anbieter, und hierbei erst nach Überprüfung von angegebenen Referenzobjekten.
Eine Vergabe von Restaurierungsmaßnahmen eines unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes an einen Generalunternehmer wurde verboten.
Aber auch in der Ausbildung der Handwerker änderte sich Grundlegendes.
Während in der Bundesrepublik die Handwerker immer mehr zum Handlanger der Industrie geworden waren und in der DDR das industrielle Bauen im Vordergrund stand, besann man sich auf seine eigentliche Aufgabe, und ließ dies in die Ausbildungen einfließen.
Die reichlich eingehenden Reparaturaufträge bzw. Rekonstruktionsaufgaben ließen den mit elektrischem Schrauber mit Kreuzschlitz und Montageschaumkartusche ausgestatteten Hilfsarbeiter auf den Baustellen langsam verschwinden.
Aufgrund der vorbenannten Verordnung bestehende Gebäude zu erfassen und bei aktuellen Leerstand zu sichern, entwickelte sich im Bereich des Handwerks eine neue Branche, die qualifizierte Fachkräfte erforderte Firmen, welche professionelle Notsicherungen von Gebäuden vornahmen, diese regelmäßig kontrollierten und überprüften, um die Gebäude für spätere Instandsetzung bereit zu halten.

Sehr bald kam für diese Firmen ein weiteres Aufgabenfeld hinzu. Wartungs- und Pflegeverträge für alte Gebäude. Vorbild dafür war die Bauwacht in den Niederlanden.
Damit fand in Deutschland erstmals im eigentlichen Sinn eine Denkmalpflege statt und nicht wie bisher, auf Grund nicht vorhandener Pflege nach jahrelanger Vernachlässigung, Totalsanierungen.

Wegbereiter für diese neuen Tätigkeitsfelder, die dann sehr schnell in neue Ausbildungsberufe mündeten, war das Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege Schloß Trebsen.
Viele Handwerker, die heute die vielen tausend Denkmäler in unserem Land regelmäßig inspizieren, kleine Reparaturen wie verrutschte Regenwasserrohre richten, verstopfte Dachrinnen frei machen oder beginnenden Pflanzenbefall an Gebäuden entfernen, haben ihre Ausbildung hier in Trebsen erhalten. Die von ihnen sofort vor Ort durchgeführten Maßnahmen und die zeitnahe Erledigung von im Inspektionsbericht angeratenen kleinen Reparaturen, werden mittelfristig dazu führen, dass die oft geäußerte Meinung
"Denkmalpflege = teuer"
nicht mehr haltbar ist.

Denkmalpflegeämter

Lobbyarbeit der Denkmalpflege auf Stadt- Ämter- und Kreisebene

Luden die Denkmalämter in regelmäßigen Abständen an den Problemen der Denkmalpflege interessierte Vereine, Verbände, Architekten, Handwerkskammer, Restaratorenverbände, Handwerker und andere ein, um allgemeine tagespolitische Fragen, Probleme, aber auch langfristige Zielstellungen vorzustellen und zu diskutieren.
Diese regelmäßig tagenden Kreise bewirkten sehr schnell Folgendes:
Kräfte und Energie wurden gebündelt.
Vor Ort kam es in breiten Bevölkerungsschichten zu einer Sensibilisierung und Bewusstseinserweiterung. Breite Teile der Bevölkerung begriffen nun langsam, welche Schätze sich in unmittelbarer Nähe befinden und welchen wirtschaftlichen Nutzen sie daraus ziehen könnten.
Stichworte dazu:
-Arbeit für die Handwerker vor Ort
-Belebung des Tourismus
-Stiftung von Identifikationen
Diese Faktoren bewirkten schließlich, dass viel weniger Menschen ihre Heimat verließen, als befürchtet wurde.
Fortan nahm das Thema in den Medien einen viel breiteren Raum ein. Man berichtete nun auch ganz selbstverständlich darüber, dass ein scheinbar profanes städtisches Bürgerhaus restauriert –mit hohem Wohnkomfort versehen- für Wohnzwecke hergerichtet wurde.
Und nachdem der erste Bundespolitiker bei dem letzten Bundestagswahlkampf mit den Themen Denkmalpflege, Stadt- und Dorferhaltung, ich sage bewusst Erhaltung und nicht Erneuerung, in den Wahlkampf zog, war die Institution Denkmalpflege einen entschiedenen Schritt weiter, als wichtiger Partner, der Wirtschaftskraft initiiert, ernst genommen zu werden.

Noch zwei andere Neuerungen wurden von den Ämtern für Denkmalpflege eingeführt, die vor allem von den Bauausführenden sehr begrüßt wurden.
Bei der Eröffnung / Einweihung großer Objekte erhielten nicht nur die Architekten, sondern alle am Baugeschehen beteiligten die Möglichkeit, im Umfeld der Veranstaltung ihre speziellen Leistungen, Fertigkeiten und Kenntnisse bezogen auf das Objekt, vorzustellen.
So hatte das Premierenpublikum nicht nur die Möglichkeit den Musikern des obligatorischen Streichquartetts und den Reden der für die Denkmalpflege hochmotivierten Politikern zu lauschen, sondern sie konnten sich auch über die Leistungsfähigkeit der beteiligten Firmen informieren.
Zum zweiten sorgten die Denkmalämter fortan auch dafür, dass in den Berichten der Ämter nach einer erfolgten Restaurierung nicht nur –wenn überhaupt- der Architekt genannte wurde, sondern alle wesentlich am Bau Beteiligten.
Die Initiative hierzu ging vom Leiter des Denkmalamtes der Stadt Leipzig, Herrn Hoguel, aus. Er besuchte eine Veranstaltung einer Firma in Berlin, die alljährlich in der Vorweihnachtszeit eine Lesung mit Texten aus der Weltliteratur veranstaltet, welche sich mit Architektur, Handwerk, Denkmalpflege und Stadtbeschreibungen befassen. Hier hörte er das Gedicht von Bert Brecht

"Wer baute das siebentorige Theben".

Ja und Herr Hoguel fragte sich nun, wer restauriert eigentlich unsere Denkmäler? Eine folgenreiche Idee war geboren.

Selektiver Rückbau

Natürlich kam es auch auf Grund jahrzehntelanger Vernachlässigung von Gebäuden zu Abrissen.
Hier kann ich von einer einfachen gesetzlichen Neuregelung berichten, die von der bisherigen Abrisstätigkeit, deren Produkte bestenfalls durch Schreddern zu einer Wiederverwertung, in der Regel aber auf der Deponie landet, zum selektiven Rückbau führte. Mit dem Ziel der weittestgehenden Wiederverwendung der geborgenen Materialien.
Dieses neue Gesetz schreibt vor, dass vor 1920 erbaute Gebäude erst abgerissen bzw. zurückgebaut werden dürfen, wenn sie von einem Unternehmen, das selektiven Rückbau betreibt, begutachtet worden ist und für die bisherige Praxis des Schredderns bzw. Deponierens, freigegeben wurde.
Dieses Gesetz war für den Gesetzgeber völlig kostenneutral und hatte weitreichende positive Auswirkungen.

Es schaffte Arbeitsplätze.
Und zwar nicht, wie immer von den Initiatoren von ABM-Maßnahmen in diesem Bereich fälschlicherweise angenommen wird, Arbeitsplätze für einfache Tätigkeiten, sondern wie das Beispiel der Personalstruktur in meinem Betrieb zeigt, Arbeitsplätze für hochmotivierte und hochqualifizierte Arbeitnehmer.
Vermeidung von Müll und damit von Deponien mit all´ ihren negativen Begleiterscheinungen.
Schonung von Naturrecoursen.
Bereitstellung von Originalmaterialien für Reparatur und Restaurierung.

Die bis dato bestehende kleine Branche der Firmen, die sich mit historischen Baumaterialien beschäftigten, entwickelte sich nach dieser neuen Gesetzeslage in vielen Bereichen völlig neu.
Einige dann einsetzende Entwicklungen seien hier kurz erwähnt.
Die Branche trat aus ihrem Nischendasein heraus.
Es gab eine Reihe von Neugründungen, z. Teil von interessierten Handwerkerbetrieben und teilweise von traditionellen Abrissbetrieben, die sich umorientierten.

Selektiver Rückbau

Bedingt dadurch, dass diese Branche schnell eine gewisse Größe erlangte, wurde sie für den Maschinenbau und sonstige Produktentwickler sowohl im Hardware- wie im Softwarebereich interessant.
So wurde Ende der 90-er Jahre das erste elektromagnetische Entnagelungsgerät in Betrieb genommen. Anfangs fanden die Geräte auf Grund ihrer Größe nur Anwendung beim Entnageln von Balken und verlegten Dielen. Die kürzlich auf den Markt gekommene zweite Generation der Geräte erlaubt nun auch das Entnageln kleinerer Objekte wie z. Bsp. Parkettstäbe.
Eine weitere Neuentwicklung, welche die Branche entschieden nach vorne brachte, ist die vor zwei Jahren vorgestellte Ziegelputzmaschine.

All diese Entwicklungen, von denen ich hier nur zwei kurz vorstellen konnte, kombiniert mit einem erheblich höheren Materialanfall, machten es den Händlern von historischen Baustoffen möglich, die Preise zu senken. Dies wiederum hatte eine verstärkte Nachfrage nach historischen Baumaterialien zur Folge.
Recht bald wurde dann auch für diese Branche ein neues Berufsbild entwickelt, ein neuer Ausbildungsberuf der Facharbeiter für selektiven Rückbau mit der Seiteneinstiegsmöglichkeit für gelernte Handwerker.

Zum Abschluss noch eine ganz neue positive Entwicklung, der zwar ein trauriges Ereignis zugrunde liegt, aber ein Ereignis, welches der Mensch leider nicht beeinflussen kann.
Anlass war das Erdbeben im Süden Iran`s mit seinem Zentrum im Bam. Eine Stadt, die zum Weltkulturerbe gehört.
Wie Sie alle wissen, gehört dieser Großraum zur Wiege der Kultur und ist gleichzeitig die Wiege des Mauerziegels und der Ziegelarchitektur.
Die Firma in Berlin, die maßgeblich an der Entwicklung der Ziegelputzmaschine beteiligt war, hat sich über die deutsche Botschaft im Iran einen Container mit Abbruchziegel schicken lassen, und an diesen Ziegeln die Funktionalität ihrer Ziegelputzmaschine ausprobiert. Die Versuche verliefen erfolgversprechend, so dass sich demnächst der Vorarbeiter der Firma und zwei weiter Facharbeiter für selektiven Rückbau auf den Weg in das Erdbebengebiet machen werden, um die in Deutschland erprobten Vorgehensweisen und Strukturen auch dort zur Anwendung zu bringen.
Dies hat für die dortige Bevölkerung den Vorteil, selbst mit tätig werden zu können, dadurch geringeren Materialeinsatz für die neu zu errichtenden Gebäude mit einem geringen Einsatz an Technik, deren Anwendung schnell zu erlernen ist und sie nicht auf den Einsatz von Neubaufirmen warten müssen, die möglicherweise mit regionalfremden Material, z.Bsp. Beton unter Ausschluss der Bevölkerung die neuen Häuser errichten.

Praktische Not- und Entwicklungshilfe, die zu einem Exportgut werden könnte.

Ich kündigte Ihnen weitere positive Initiativen von Politik und Vereinen an, die sich im Rahmen bürgerschaftlichen Engagement für die hier diskutierte Problematik einsetzen.
Um den Zeitrahmen nicht zu sprengen, kann ich nur von einigen Beispielen berichten.

1. Ein erster Meilenstein, von dem ich berichten möchte, war die Trebsener Erklärung vom 26. November 1997 anlässlich der Konferenz.

"Die graue Energie erhalten"
"Denkmalpflege als Beitrag zum ökologischen Bauen"

 

Eigentlich hätte ich Ihnen die damals verabschiedeten 10 Thesen vorlesen können, und so ziemlich alles wäre gesagt gewesen.
Hier nur noch einmal die Thesen 3 + 4 zur Erinnerung.
Ich zitiere:

2-tens wäre erwähnenswert, die Verbesserung von Abschreibungsmöglichkeiten für Denkmaleigentümer nach dem Einkommenssteuergesetz im Jahre 1998.
Vorausgegangen waren Bestrebungen im Zuge der damaligen Haushaltskonsolidierungen, diese zu kürzen und langfristig ganz entfallen zu lassen.
Zwei ziemlich zeitgleich in Auftrag gegebene Untersuchungen über den Potenzierungseffekt von staatlichen Denkmalpflegezuschüssen bestätigten, die bis dahin geäußerte Vermutung. Jeder von staatlicher Seite in die Denkmalpflege investierter Euro zieht die Investition 7 weiterer Euro´s aus verschiedenen Quellen nach sich.
Der Gesetzgeber entschied, wie fast immer, logisch und rational und erhöhte daraufhin die Abschreibungsmöglichkeiten für Denkmaleigentümer.
Neben dem Anreiz der privaten Investitionen bei der Bewahrung von Denkmälern fanden nun auch folgende Feststellungen mehr Beachtung:

  1. Altbausanierung wird in der Regel von regional tätigen Handwerkern betrieben.
  2. Während am Neubau 80% auf Materialkosten und 20% auf Personalkosten entfallen, die Materialien oft regionalfremd sind und über weite Strecken antransportiert werden müssen, ist das Verhältnis zwischen Material- und Personalkosten bei der Altbausanierung genau umgekehrt. Bei reinen Restaurierungsarbeiten verschiebt sich das Verhältnis noch stärker.
  3. Die für die Altbausanierung benötigten Materialien kommen zu großen Teilen aus der selben Region.
  4. Die sorgfältig ausgewählte Altbausanierung erfordert qualifizierte Arbeitskräfte.
  5. Die regionalen Eigenheiten und Identität bleibt erhalten.
    Dies wiederum ruft verstärkt bürgerschaftliches Engagement hervor.

Diese eben kurz angesprochenen Erkenntnisse mündeten Ende 2001 in eine andere begrüßenswerte Initiative, die Initiative:

"7% Umsatzsteuer für die Erhaltung von Kulturdenkmälern"

Eine Initiative gemeinsam getragen von

der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.,
dem Förderkreis Alte-Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.,
der Aktionsgemeinschaft Privates Denkmaleigentum und
dem Unternehmerverband Historische Baustoffe e.V.

Ziel war es, den Umsatzsteuersatz -oder auch Mehrwertsteuersatz genannt- für Restaurierungsarbeiten an Altbauten sowie Arbeiten an denkmalgeschützten Gebäuden auf 7% zu senken.
Wie Sie wissen, gibt es Waren und Dienstleistungen, für die dieser ermäßigte Steuersatz von 7% in Deutschland zu Anwendung kommt, wie:
Bücher
Konzerte
Sportveranstaltungen
Blumen
Arzneimittel usw.

Neben den schon vorbenannten Begründungen für einen solchen Schritt, führte die "Initiative 7% " weitere im Feld.
Ich zitiere:
  1. Eine Ermäßigung der MWST könnte in vielen Fällen den Ausschlag geben, unter hohem Einsatz von Arbeitskräften zu sanieren, statt industriell mit wenigen Arbeitskräften neu zu bauen.
  2. Die bisherige steuerliche Förderung des Denkmalschutzes erfolgt im privaten Sektor ungleichgewichtig und sozial unausgewogen.
Private Eigentümer von Denkmalen können zwar durch Abschreibung und Geltendmachung von Sonderausgaben ihre Steuerlast verringern. Viele private Denkmalbesitzer, insbesondere im ländlichen Raum, verfügen jedoch gar nicht über Einkommen in einer Höhe, die auf diesem Wege eine nennenswerte Förderung bewirken könnten. Sie müssen die Aufwendungen zur Erhaltung ihrer Kulturdenkmäler aus einem kaum besteuerten Einkommen bestreiten. Die bisherigen Fördermodelle führen hier zu einer sehr ungleichgewichtigen Förderung. Die Ermäßigung der MWST käme allen zugute und damit in viel stärkerem Maße denjenigen, die Hilfe wirklich benötigen.

An den entspannten und zufriedenen Gesichtern der hier anwesenden Handwerker-Restauratoren und Architekten kann man unschwer erkennen, welchen Erfolg diese Initiative hatte.

Widerstände

Selbstverständlich gab es auch in all´ den 14 Jahren, über die ich hier berichte, Widerstände.
Die möchte ich nicht unerwähnt lassen.
Einige Branchen, wie große Baukonzerne, die auf den Neubau spezialisiert sind, Anbieter von Eigenheimen, die Baustoffindustrie und der Handel und nicht zuletzt die Speditionen legten gegen verschiedene Maßnahmen Protest ein.
Obwohl die von den oben genannten Branchen vorgelegten Zahlen, in Bezug auf den befürchteten Personalabbau übertrieben waren, nahm man ihre Argumente ernst und setzte sich mit ihnen auseinander. Dadurch war man in der Lage, Gegenrechnungen aufzumachen.

Arbeitsplätze

Die Anzahl der durch all´ die geschilderten Maßnahmen geschaffenen Arbeitsplätze waren mehr als fünf mal so hoch, wie die angeblich in der Industrie entfallenden Arbeitsplätze.

Qualifikation der Arbeitsplätze

Die neu geschaffenen Arbeitsplätze und die neu entwickelten Berufsbilder brachten höher qualifizierte Arbeitnehmer hervor, als die in der Industrie entfallenden Arbeitsplätze.
Den quantitativ und qualitativ schwer greifbaren höheren Identifikationsgrad und die damit verbundene Selbstzufriedenheit, die ein Handwerker erfahren kann, wenn er an der Restaurierung eines Stadtbild prägenden Hauses seiner Heimatstadt beteiligt war, gegenüber dem Industriearbeiter der im Akkord Betonfertigteile erstellt, möchte ich in diesem Zusammenhang nur am Rande erwähnen.

Sanierung ist teurer als Neubau

Diese bis dahin immer wieder geäußerte Behauptung, die komischer Weise nie belegt wurde, konnte nun mit Hilfe speziell ausgebildeter Architekten für Altbausanierung, Spezialisten für Umnutzung alter Gebäudesubstanz, neuer Planung und Durchführungsabläufe bei der Altbausanierung, gut ausgebildeter Handwerker und der Bereitstellung von ausreichend geborgenem Baumaterial durch die Betriebe, die selektiven Rückbau durchführen, entgültig widerlegt werden.

Die Widerstände verstummten.

Schlusswort

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu sehr irritiert.
Aber aufgrund der für mich furchterregenden Situation war es mir nicht möglich, diese auch noch hier zu beschreiben.

Ich schwanke immer zwischen Depression und Zynismus.
Depressionen tun mir nicht gut, Zynismus tut meinen Mitmenschen und Ihnen als Zuhörer nicht gut.

Aber träumen wird man ja noch dürfen,
denn:

Kulturgut erhalten
und
Kultur gut erhalten.

In Erwatung Ihres lebhaften und heftigen Widerspruchs bedanke ich mich für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit.

 


2004







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